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Zeichen des Leidens - aber auch des Triumphes

Das Vortragekreuz - eine kunstgeschichtliche Kostbarkeit

Mit dem Sieg des Kaisers Konstantin, dem ersten christlichen Kaiser (gestorben 337), der in der Schlacht gegen Maxentius in einer Vision das Kreuz als ein Siegeszeichen sah, hat das wichtigste Symbol des christlichen Glaubens eine unbeschreibliche Aufwertung und Verbreitung erfahren. Die Auffindung des wahren Kreuzes Christi in Jerusalem durch die Mutter des Kaisers, die heilige Helena, hat diesen Prozess zusätzlich gefördert.

Während in den ersten christlichen Jahrhunderten das Kreuz vor allem als schändliches Todeswerkzeug gesehen wurde, erfuhr es nach dem Sieg Konstantins eine andere Deutung; es wurde zum Sinnbild des Sieges Christi und der Hoffnung der Gläubigen. Selbstverständlich hat sich auch die Kunst dieses Zeichens bemächtigt und ihm im Laufe der Geschichte unterschiedliche Prägungen gegeben. Oft war es ein Zeichen des Leidens, oft ein Zeichen des Triumphes. Auch die Verwendung war unterschiedlich. Es gibt Grabkreuze, Wegkreuze, Triumphkreuze, Wandkreuze, Altarkreuze, Reliquienkreuze und Sterbekreuze.

Das Vortragekreuz stammt aus dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts und bildet auf  Grund seiner Gestaltung eine Besonderheit. Foto: Arnold WeigeltAuch die Formen des Kreuzes sind vielgestaltig. Im Mindener Raum ist das lateinische Kreuz mit dem kürzeren nach oben verschobenen
Querbalken am bekanntesten. Nach der Befreiung des Christentums durch Kaiser Konstantin begannen die Künstler auch Christus selbst mit seinem Körper am Kreuz darzustellen. In solchen Fällen spricht man von einem Kruzifix, von dem, der ans Kreuz geheftet wurde.

Vor allem in der Liturgie der Kirche fanden die Kreuze vielfache Verwendung. Die Eucharistiefeier und alle christlichen Gottesdienste werden immer unter oder vor dem Kreuz gefeiert. Aber auch Prozessionen oder festliche Einzüge in das Gotteshaus werden von diesem Zeichen
angeführt.

Ein solches vorausgetragenes Kreuz - ohne Korpus - ist in der Mindener Schatzkammer ausgestellt. Es stammt aus dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts und ist mit Silberblech beschlagen, zum Teil auch vergoldet.

Die Rückseite hat durch das einmalig gestaltete quadratische Feld in der Mitte einen bedeutsamen geschichtlichen und kunsthistorischen Wert, verbunden mit einer tiefen theologischen Aussage. In einen kostbaren Stein ist der Kopf des römischen Kaisers Nero - mit einem Eichelkranz geschmückt - eingeschliffen. Dieses Teil - Cameo genannt - stammt aus dem ersten Jahrhundert. Der Künstler des Mittelalters wollte damit zum Ausdruck bringen, dass auch Kaiser und Könige dem Gekreuzigten dienen müssen, selbst diejenigen, die ihn verfolgt haben.

Die Enden des Kreuzes, die in einen Dreipass münden, enthalten die vier Evangelistensymbole Adler, Löwe, Stier und Engel (Mensch); die
Namen der Evangelisten sind in Schriftbändern genannt.

Die Symbole werden von Blatt-Ornamenten umrahmt. Ihre Gestalt geht auf Vorlagen von Martin Schongauer zurück, ebenso die Gravur des Heiligen Petrus auf der Vorderseite.

Die Ansichtsseite dieses Vortragekreuzes, das auch wegen seiner Verwendung im Domkapitel als Kapitelkreuz bezeichnet wird, enthält in der Mitte einen oval geschliffenen Bergkristall, der auf einem quadratischen Feld befestigt ist. Darunter befindet sich eine Kreuzreliquie in Kreuzform.

In den Dreipässen der Kreuzenden sind die vier Kirchenväter Ambrosius, Augustinus, Hieronymus und Gregor der Große abgebildet. Diese vier Medaillons sind von dunklen Amethysten umgeben. Zwischen dem quadratischen Mittelfeld und den Dreipässen liegen Zellenschmelzplatten in quadratischer Form aus Email, mit Kreuzrosetten in der Mitte.

Auf dem unteren Teil des Längsbalkens ist der Heilige Petrus dargestellt. Er trägt einen weiten Mantel; in den Händen hält er sein Attribut, den Schlüssel und ein aufgeschlagenes Buch. Die Abbildung der beiden Dompatrone Gorgonius und Petrus ist ein Beweis dafür, dass dieses wohl in Westfalen entstandene Kreuz eigens für den Mindener Dom gefertigt wurde.

Sowohl der Hinweis von dem Domherrn Heinrich Tribbe in der Mitte des 15. Jahrhunderts als auch im Mindener Nekrolog Ende des 13. Jahrhunderts beziehen sich vermutlich auf ein Vorgängerkreuz, da dieses hier besprochene erst nach 1508 entstanden sein kann. Albrecht Dürer hat in diesem Jahr den heiligen Georg, dessen Bild als Vorlage für den heiligen Gorgonius genutzt wurde, gezeichnet.

Dieses schmuckvolle Vortragekreuz ist eine Komposition aus älteren und jüngeren Teilen und damit Ausdruck immerwährender Gültigkeit der Kreuzesaussage. Indem es vorangetragen wird, lädt es die Prozessionsteilnehmer ein, in den Spuren des Gekreuzigten zu wandeln. Diese Nachfolge Jesu ist Last und Heil, wie Johannes vom Kreuz in seiner Schrift "Die dunkle Nacht" schreibt: "Alle Gaben, die wirklich von Gott stammen, haben dies gemeinsam, dass sie den Menschen sowohl erniedrigen wie erhöhen."

Khalil Gibran hat diese Erfahrung des mittelalterlichen Mystikers aufgegriffen und in unserer Zeit formuliert: "Denn so wie die Liebe dich krönt, kreuzigt sie dich." Das Kreuz ist Zeichen göttlicher Liebe. Es warnt uns vor Selbstüberschätzung, lehrt aber auch das andere: Gott hat den Menschen erhöht, wie er höher nicht gedacht werden kann. Diese Doppeldeutigkeit menschlicher Existenz wird in dem Kreuz zum Ausdruck gebracht - Karfreitag und Ostern in einem einzigen Zeichen.

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