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Löwen wachen an der Tür

Türzieher am Mindener Doms stellen Beziehung zu Venedig her

In spätromanischer Zeit – etwa zwischen 1210 und 1230 – sollte ein neuer Dom entstehen, der von Osten nach Westen gebaut wurde. Das bis heute erhaltene dreijochige Querhaus und das rheinisch geprägte Chorquadrum zeugen davon. Die Apsis ist aus späterer Zeit. Die Absicht, auch das Langhaus in basilikaler, romanischer Form zu erneuern, scheiterte an einem dramatischen Stilwechsel. Von Frankreich her drang ein neuer, der frühgotische Baustil nach Osten vor, so dass die Halle des Domes nun nach den Plänen der neuen Architektur erstellt wurde. Ob der Bauvorgang zeitlich unterbrochen wurde, ist mit Sicherheit nicht zu sagen. Es dürfte aber feststehen, dass die Halle in der Zeit zwischen 1267 und 1290 fertig gestellt werden konnte.

Ein Löwenkopf als Türzieher an der Dompforte.Am Nordportal des neuen romanischen Querhauses wurden zwei Türzieher angebracht, deren Entstehungszeit sich vom Datum des Neubaus her bestimmen lässt. Wahrscheinlich sind sie in der Zeit von 1220 und 1230 in einer sächsischen Werkstatt – vielleicht auch in Minden – entstanden und an dem Nordportal des neuen Querhauses angebracht worden. Bei der Domweihe 1957 nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg wurden zwei Kopien, die selbst 200 Jahre alt sein sollen, nicht mehr am Nordportal, sondern richtigerweise an den inneren Türen des Paradieses befestigt. Die Originale befinden sich in der Schatzkammer.

Die beiden Löwenköpfe, die in Bronze gegossen wurden, bilden die Mitte eines Rundschildes mit einem glatten Außenrand, auf dem sechs Bohrlöcher für die Befestigung am Portal zu erkennen sind. Der Kopf befindet sich auf einer viereckigen Platte, die von der zotteligen, aber majestätischen Mähne des Löwen überlagert wird. Die Augen des Tieres schauen den Betrachter an, die Ohren sind gespitzt. In dem geöffneten Maul befand sich früher der Türzieher, mit dem man sowohl das Portal öffnen als auch klopfen konnte, um Einlass zu finden. Die quadratische Mitte wird von einem Vierpaß umgeben, unter dessen Rundbögen links und rechts ein Drachenpaar mit verschlungenen Hälsen und oben ein stolzer Löwe erkennbar sind. Ob das Tier an der unteren Seite eine Ziege darstellt, ist nicht genau auszumachen. Zwischen den Tieren befindet sich Rankenwerk.

Bei dem Versuch einer Deutung sollte nicht übersehen werden, dass ein ähnlicher Löwenkopf lediglich in Venedig existiert, der wahrscheinlich aus derselben Werkstatt stammt. Er befindet sich am Mittelportal im Narthex des Domes San Marco, der dem Evangelisten Markus geweiht ist und dessen Evangelistensymbol der Löwe ist. Der Löwenkopf in Venedig befindet sich am Westeingang wie nun auch im Mindener Dom. In der Bibel wird der Löwe ambivalent gedeutet. Der hl. Petrus warnt vor ihm mit den Worten: "Seid nüchtern und wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann" (1 Petr 5,8). Der Löwe begegnet uns in der Bibel aber auch als das Tier der Stärke, das vor dem Bösen schützen soll. Der alttestamentliche Stamm Juda wurde mit einem jungen Löwen verglichen (Gen 49,9).

In der Vorstellung des Mittelalters kommt das Böse aus dem Westen. Der Beter im Dom, der nach Osten, zum Altar schaut, ist durch die Dämonen im Rücken gefährdet. Vor dieser Gefahr sollen ihn die gewaltigen Mauern des Westwerks schützen. Unterstützt werden sie vom hl. Erzengel Michael, dem über dem Paradiesportal, wie in fast allen Westwerken, eine Kapelle errichtet war. Der starke Engel hatte den Auftrag, die aus dem Westen kommenden verführerischen und todbringenden Mächte und Gewalten abzuwehren. Diesem Zweck sollen auch die Löwenköpfe dienen. Das romanische Portal ist eng; kein Unbefugter darf es durchschreiten. Die Löwen sind am Eingang des Domes Wächter gegen das Böse. Lediglich der Verfolgte, der Asylsuchende, der den Ring des Türziehers in der Hand hielt, betrat den Rechtsbereich des Bischofs und konnte bei ihm Schutz und Hilfe finden.

So sind die beiden Türzieher mit den vollplastischen Löwenköpfen nicht nur kunsthistorisch, sondern auch theologisch interessant. Sie zeigen etwas von der Spiritualität des mittelalterlichen Menschen, die uns in der Neuzeit weithin verloren gegangen ist. Überall aber ist heute eine neue Sehnsucht nach einer geistlichen Deutung der Welt, allerdings in der Sprache unserer Zeit, erkennbar.

Nächstes Objekt des Domschatzes: Der Gießlöwe

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