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Eine uralte Idee

Künstliche Wasserstraße zwischen Weser und Elbe

Von Martin Steffen

Eigentlich war die Idee uralt, die um das Jahr 1900 im preußischen Abgeordnetenhaus für Unruhe sorgte. Eine künstliche Wasserstraße zwischen Weser und Elbe hatte sich bereits im 16. Jahrhundert Herzog Julius von Braunschweig vorgestellt.

Die preußischen Könige hatten im 18. Jahrhundert Wasserwege in Brandenburg, West- und Ostpreußen anlegen lassen, die über die Elbe auch Zugang zum Seehafen Hamburg schafften. In den räumlich zersplitterten Nordwestprovinzen Preußens Nordwesten dauerte die Verbindung der Flüsse länger und benötigte mehrere Anläufe.

Was heute als Mittellandkanal bekannt ist, war ein preußisches Projekt, das nach 1863 halbwegs Gestalt annahm. Das Königliche Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten ordnete die Vorarbeiten für einen "Rhein-Elbe- Kanal" an. Mit ihm sollte der Transport von Kohle aus dem Ruhrgebiet in die Industrieregionen Mittel- und Ostdeutschlands gefördert werden.

Der Staat setzte auf die Schiffahrt, um das immer stärker beanspruchte Eisenbahnnetz vom Massengütertransport zu entlasten - ohne dass aber andererseits die Stellung der Königlich Preußischen Eisenbahnverwaltung geschwächt werden sollte.

Die Kriege von 1864/66 und 1870/71 verzögerten die Entwicklung. Nach der Gründung des Deutschen Reiches befürchteten Gegner des Kanalbaus Konkurrenz zur Eisenbahn und eine Schwächung der Schiene durch das Binnenschiff. Die Großgrundbesitzer östlich der Elbe fürchteten eine Schädigung der Landwirtscahft in den Ostprovinzen durch Getreide, das billig auf dem Kanalweg eingeführt werden könnte.

Unterstützung fanden die Kanalgegner auch bei der Braunkohlenindustrie Sachsens und Braunschweigs. Ihre Vertreter fürchteten Absatzverluste, wenn Steinkohle von der Ruhr in ihr "Revier" eindränge. So vermutetete das Oberbergamt Halle einen Absatzverlust von 500 000 Tonnen Braunkohle durch den Einzug der Ruhrkohle.

Mit diesen Argumenten setzte sich 1899 ein Kanalbauingenieur auseinander, an den in Minden heute noch eine Straße, eine Berufsschule und auf Kanal und Weser ein Dienstboot des Wasser- und Schiffahrtsamtes erinnern: Dr. Leo Sympher. Sympher gilt als Vater des heutigen Mittellandkanals.

Der spätere Ministerialdirektor beim Ministerium für öffentliche Arbeiten wurde am 19. Oktober 1854 in Hannoversch Münden als Sohn des königlich hannoverschen Offiziers Arthur Hermann Sympher und seiner Frau Bernhardine geboren. Seine erste berufliche Beziehung zum Wasser gestaltete sich problematisch.

Leopold trat 1871 als Offizieranwärter in die Kaiserliche Marine ein, musste aber 1873 wegen einer Sehbehinderung seinen Abschied nehmen. Sympher wollte nun Ingenieur im Wasserbaufach werden und studierte von 1874 an an der Technischen Hochschule Hannover.

Zu seinen Fächern gehörten Höhere Mathematik und Praktische Geometrie ebenso wie Maschinenbau und Mechanik, aber auch Ornamentik, Elemente des Wasser- und Brückenbaus sowie Formlehre und Perspektive. Nach seiner Ersten Staatsprüfung 1879 sammelte Sympher praktische Erfahrungen beim Kanalbau in Lothringen, 1882 folgte die zweite Staatsprüfung und Tätigkeiten in Ostpreußen und in Ungarn.

Nach 1883 arbeitete Leo Sympher in der Wasserbauabteilung des Ministeriums für öffentliche Arbeiten. Sympher machte sich einen Namen als Fachmann, der bei der Kanalplanung die verkehrs- und volkswirtschaftlichen Grundlagen ermittelte. Mit dieser vernetzten Planung leistete er entscheidende Vorarbeit für die Gesetzesvorlagen mehrerer Kanalprojekte der preußischen Regierung.

Beim Ministerium war Sympher zunächst mit den Planungen für den Dortmund-Ems:Kanal betraut worden und konnte dieses Projekt im zweiten Anlauf gegen massive Widerstände im Parlament durchsetzen. Anschließend erarbeitete Sympher die "Wasserwirtschaftliche Vorlage"von 1901, die zur Planungsgrundlage des späteren Mittellandkanals wurde.

Schon vor 1901 war Leo Sympher auf die Argumente der Kanalgegner unter den Großgrundbesitzern und der Industrie in Mittel- und Ostdeutschland eingegangen. Sympher konnte beweisen, dass ein Kanal ziwschen dem Dortmund-Ems- Kanla im Westen und der Elbe Absatzmöglichkeiten für die östlichen Provinzen schaffen dürfte. Auf dem Kanal ließe sich schließlich auch Dünger zur Verbesserung der Landwirtschaft befördern.Die Ängste der Kohleindustrie in Braunschweig und Sachsen versuchte Sympher dadurch zu entkräften, dass er auf den rasant ansteigenden Brennstoffbedarf der Hauptstadt Berlin hinwies. So könnten geringe Absatzrückgänge durch den Wettbewerb mit der Ruhrkohle leicht ausgeglichen werden. Seine Vorlage fiel im preußischen Abgeordnetenhaus im ersten Anlauf zwar durch.

Der Einfluss der adeligen Grundbesitzer im Osten war zu stark. Rückendeckung erhielten Symphers Pläne durch Hermann Budde, den Minister für Öffentliche Arbeiten, der wegen seiner Unterstützung des Wassserstraßenbaus häufig als "Kanalminister" bezeichnet wurde. Wie sehr Minister Budde vom Nutzen des späteren Mittellandkanals überzeugt war, zeigt seine Reaktion auf die erste Abstimmungsniederlage im Abgeordnetenhaus 1901: "Gebaut wird er doch!"

Selbst Kaiser Wilhelm II. setzte sich unüberhörbar für den Kanalbau zwischen Rhein und Elbe ein und kritisierte lautstark die "Kanalrebellen" unter seinen eigenen Standesgenossen. Bei ihm hatte die Technikbegeisterung über sein rückwärtsgewandtes Gesellschaftsbild triumphiert.

"Gebaut wird er doch!" - Budde sollte Recht behalten: 1905 stimmte das Parlament zwar zu - allerdings mit der Einschränkung, dass der Kanal vorerst nicht weiter als bis nach Hannover gebaut werden durfte. Mit diesem Kompromiss konnte die Zustimmung der konservativen ostelbischen Politiker gesichert werden.Leo Sympher leitete in Minden die Bauarbeiten und bereitete den Weiterbau des Mittellandkanals nach dem Ersten Weltkrieg zur Elbe nach Magdeburg mit vor.

Nach 1920 war der Kanalbau allerdings keine preußische Aufagbe mehr: Für Wasserstraßen war nun das Deutsche Reich zutsändig. Nach seiner Pensionierung setzte sichg Sympher weiter für die Region an Weser und Kanal ein: er wurde zum ersten Vorsitzenden des Weserbundes gewählt. Leo Sympher starb am 16. Januar 1922 in Berlin.

1928 wurde an der Ecke Fuldastraße/Bleichstraße auf der Südseite des Kanals für Sympher ein Denkmal errichtet. 1977 wurde es beim Ausbau des Mittellandkanals abgebaut und zum Informationszentrum an der Schachtschleuse umgesetzt.

Siebter Teil der Preußen-Serie: Preußen und die Demokratie

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