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Kontrovers diskutierte Geschichte

Von Dr. Joachim Belz (Auszug aus einem Vortrag)

Preußen - Transparenz und Aufklärung stehen hier für uns im Vordergrund. Die 300-jährige Geschichte Preußens gehört zu der am meisten kontrovers diskutierten Geschichte überhaupt. Noch heute, im Jahr 302 nach Gründung des Königreichs Preußen, gibt es verfeindete Lager von gnadenlosen Kritikern und bedenkenlosen Bewunderern Preußens.

Warum ist dies so? Es ist so, weil Preußen in seinem kurzen Leben, das am 25. Februar 1947 durch den [alliierten Kontrollrat]  - quasi post mortem -  offiziell für tot erklärt wurde, soviel Facetten hervorgebracht, soviel Positives und Negatives bewirkt hat und in sich so vielseitig aber auch widersprüchlich war, dass ein jeder  - der Kritiker und der Bewunderer - darin nach seiner Facon selig werden konnte (Friedrich II., 1740).

Das preußische „Suum cuique“ gilt bis zum heutigen Tag.

Wenn wir Menschen eines gut beherrschen, dann ist es die selektive Wahrnehmung, also die Einschränkung, die Dinge nur von unserem Standpunkt aus zu sehen, oder sehen zu wollen.

Anstatt das Positive zu übernehmen und aus dem Negativen unsere Lehren zu ziehen, schließen wir diese Gegensätze häufig a priori aus und verwerfen im Zweifelsfall gleich beides.

Oder wir ignorieren grundsätzlich eine Seite der Münze und begeben uns damit „einseitig blind“ auf dünnes Eis.

Sie kennen das Beispiel vom Glas, das für Optimisten halb voll und für Pessimisten halb leer ist. Dennoch beschreiben beide Varianten auf ihre Weise ein und dieselbe Realität. Und gerade die eine preußische Realität bedarf der differenzierten Betrachtung, um ihr auch nur annähernd gerecht zu werden.

Lassen Sie mich diese „schwarz-weiß“ Perspektiven der einen preußischen Realität ein wenig untermauern. Ich bediene mich dabei der preußischen Fürsten aus dem Hause Hohenzollern, die zumindest dem Namen nach allgemein bekannt sind.

Im Rahmen der Friedensverhandlungen nach dem 30-jährigen Krieg fällt das Bistum Minden an Kurbrandenburg, das zu diesem Zeitpunkt von Friedrich Wilhelm (1640-1688), dem späteren großen Kurfürsten, regiert wird. Er gewährt 1685 mit dem Edikt von Potsdam den französischen Hugenotten Aufnahme und Glaubensfreiheit in Preußen, was zu diesem Zeitpunkt mehr aus landespolitischem Kalkül denn aus religiöser Toleranz geschieht.

Friedrich I, 1688-1713, König in Preußen, krönt sich 1701 selbst zum König in Preußen, lebt in Saus-und-Braus, Prunk ohne Ende. Er gründet ein Königreich, vernichtet die Staatsfinanzen und führt das junge Königreich an den Rand des Staatsbankrotts.

Aber er gründet 1700 auch die Sozietät der Wissenschaften, die unter dem Namen Preußische Akademie der Wissenschaften Weltruhm erringt und mit Namen wie Gottfried Wilhelm Leibniz oder Max Planck verknüpft ist. 1710 wird die Berliner Charité gegründet, die älteste medizinische Bildungsanstalt Deutschlands.

Friedrich Wilhelm I, 1713-1740, König in Preußen. Der Soldatenkönig, der keinen Krieg geführt hat, aber die Staatsfinanzen radikal reformierte! Friedrich Wilhelm I. reduzierte die Staatsausgaben mit seinem berühmten „Strich durch den Etat“ um 75 Prozent! Könnten wir davon nicht heute gegebenenfalls etwas lernen, auch wenn es sich 1713 eher um die allgemeinen Hofkosten und nicht um die heutige Staatsquote handelte?

Preußische Toleranz, Sparsamkeit, Pünktlichkeit, Pflichterfüllung, ... finden in dieser Zeit ihren Ursprung. In altpreußischer Zeit fanden übrigens Befehl und Gehorsam (im Sinne eben jener Pflichterfüllung) ihre Grenzen am religiösen Sittengesetz und der hohen Ehrauffassung der preußischen Eliten.

(Joh. Friedr. Adolf von der Marwitz, 1723-1781: „wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte“, 1761 Schloß Hubertusburg; Helmuth von Moltke, 1889, „Überhaupt –Gehorsam ist Prinzip, aber der Mann (Mensch) steht über dem Prinzip“)

1717 wird die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Bildung hat von nun an einen hohen Stellenwert in Preußischen Staaten, was zur Festigung und zum Ausbau seiner Position in Europa entscheidend beiträgt. Zu dieser Zeit hätte eine „PISA-Studie“ unsere Kinder und Jugendlichen im Vergleich zu heute auf den ersten Plätzen gesehen.

Für die Mindener ist Friedrich Wilhelm I. als ein „blaues Tuch“ in die Geschichte eingegangen, hat er doch ab 1723 maßgeblich zur Integration der Garnisonsstadt Minden in den preußischen Staat und damit für die - wenn auch nur vorübergehende - Aufhebung der kommunalen Selbstverwaltung gesorgt.

Friedrich II., der Große, 1740-1786, König von Preußen seit 1772. Kaum an der Macht marschiert der Flöten spielende König 1740 selbstherrlich in Schlesien ein und führt  - mit kurzen Unterbrechungen - mehr als 20 Jahre lang Krieg. Dies bringt ihm zwar den militärisch begründeten Titel „der Große“ ein, hinterlässt aber auch einen faden Beigeschmack des Willkürlichen. Keinen faden Beigeschmack hat hingegen der Anbau der Kartoffel, der 1746 durch Friedrich II. veranlasst und gefördert wird.

Friedrich II. sieht sich als „erster Diener seines Staates“ und treibt die Schaffung eines allgemeinen Gesetzbuches voran. Über die Worte „erster Diener seines Staates“ müsste nach meiner Auffassung heute intensiver nachgedacht und nach deren Sinn mehr gehandelt werden.

Friedrich Wilhelm II, 1786-1797, König von Preußen, wird bekannt durch seine Günstlings- und Mätressenwirtschaft, durch seinen verschwenderischen persönlichen Lebensstil. Aber gerade unter Friedrich Wilhelm II. wird 1788 das noch heute gebräuchliche Reifezeugnis, das Abitur, eingeführt. Unter ihm werden 1791 das Brandenburger Tor von Langhans und Schloss Bellevùe vollendet.

In seine Regierungszeit fällt 1794 die Verabschiedung des „Allgemeinen Landrechts für die Preußischen Staaten“, dem Vorgänger und der Vorlage heutiger Verfassungs- und Grundgesetzestexte von Bund und Land Nordrhein-Westfalen. In diese Zeit preußischer Geschichte fällt auch eine der wichtigsten Phasen der Geschichte überhaupt: die der Aufklärung.

Der führende Kopf der späten Aufklärung ist der Königsberger Immanuel Kant (1724-1804), der Aufklärung als Ausgang der Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit definiert. Die Vernunft hält Einzug in den Alltag.

Dass Aufklärung und kategorischer Imperativ „handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du gleichzeitig wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ (1798, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten) wichtiges, aber heute leider nicht mehr sehr ernst genommenes Erbe preußischer Geschichte sind, sollten wir nicht vergessen, sondern gerade heute wieder in den Vordergrund rücken.

Friedrich Wilhelm III, 1797-1840, König von Preußen. In die Regierungszeit des als entscheidungsschwach geltenden Königs fällt der Einzug Napoleons in Berlin (27. Oktober 1806) und der symbolkräftige Verlust der Quadriga (Schadow). Preußen leidet und vergeht langsam in Selbstmitleid, spätestens nach dem Tod der geliebten Königin Luise im Jahr 1810.

Aber gerade in dieser schwierigen Lage wird ein Reformwerk gestartet, das bis heute als beispielhaft gilt.

Die Stein-Hardenbergschen Reformen (1808-1812) umfassen die Bereiche Ständewirtschaft, Heer, Städteordnung, Verwaltungsstruktur, Gewerbefreiheit, Steuerwesen und werden begleitet von der durch [Wilhelm von Humboldt] getriebenen Bildungsreform (ab 1809). Letzterer war übrigens seit 1790 mit der 1766 in Minden geborenen Caroline von Humboldt, geb. von Dacheröden, verheiratet.

Diese Reformen begründen den Wandel absolutistisch geführter Länder zu einem bürgerlichen National-, Rechts- und Industriestaat, auch wenn die Reformen erst Jahre später zur vollen Entfaltung kommen. In diesem Zusammenhang soll erwähnt werden, dass  Reichsfreiherr Karl vom und zum Stein in den Jahren 1796-1803 Präsident der Kriegs- und Domänenkammer, also des preußischen Verwaltungssitzes, in Minden war.

Ebenso sei der Mindener Landrat (1798) und spätere westfälische Oberpräsident (1815) Freiherr Ludwig von Vincke (1774-1844) hier genannt, der als „Verwaltungsmanager 1. Klasse“ galt.

Beispielhaft für preußisches Erbe seien in diesem Zusammenhang die Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe genannt, die als öffentlich-rechtliche Körperschaften mit dem Recht zur Selbstverwaltung inhaltlich aus den preußischen Provinzialverbänden (Provinzialordnung von 1887) hervorgegangen sind und die kommunale Selbstverwaltung der Gemeinden in NRW, die auf die Preußische Verfassung von 1850, Artikel 105, zurückgeht.

Die Regierungszeit Friedrich Wilhelm III., die gleichwohl von Krieg, Repression, Reaktionismus, innerem Stillstand einerseits und umfassenden Reformversuchen andererseits gekennzeichnet ist, ist auch die Schaffenszeit [Karl Friedrich Schinkels], des bedeutendsten deutschen Baumeisters des 19. Jahrhunderts (Neue Wache und Schauspielhaus in Berlin), und die Zeit des Biedermeier, die uns die begehrten Intarsien-Möbel mit handwerklicher Hochkunst hinterlassen hat.

Friedrich Wilhelm III. gründet 1818 die Preußisch-Rheinische Universität in Bonn mit zwei theologischen Fakultäten, um sowohl dem protestantischen Staat als auch dem katholischen Rheinland gerecht zu werden. Dennoch bleiben konfessionelle Spannungen für viele Jahre an der Tagesordnung.

Während der Ausdehnung Preußens nach Westen trifft die protestantisch-puritanische Ethik, die nüchterne preußische Vernunft auf einen eher warmherzigen, aber auch selbstbewussten rheinisch-westfälischen Katholizismus, was zwangsweise zu Wechselwirkungen mit Folgen führt.

Der im November 1837 verhaftete und bis April 1838 in Minden unter Arrest stehende Kölner Erzbischof Clemens August Droste zu Vischering ist wohl einer der bekanntesten Verfechter katholischer Unabhängigkeit vom preußisch-zentralistischen Staatskirchentum.

Dieser schwarz-weißen Epoche Friedrich Wilhelm III. verdanken wir aber nicht zuletzt auch die Mindener Defensionskaserne, einen der frühesten Bauten des preußischen Klassizismus in Minden (1827/29).

Friedrich Wilhelm IV, 1840-1861, König von Preußen. Aufstand der Weber (1844), Barrikadenkämpfe in Berlin (1848) und eine Revolution von oben, die dem Volk eine Verfassung aufoktroyiert. Das kennzeichnet diese preußische Phase ebenso wie der massive Ausbau des Eisenbahnnetzes, und damit einer Grundlage wirtschaftlichen Wachstums: Die Mobilität und der schnelle Warentransport. Dies geschah übrigens nach 1848 unter massivem Einfluss insbesondere liberaler Rheinländer wie Camphausen und v. d. Heydt.

Wilhelm I, 1861-1888, König von Preußen, Deutscher Kaiser seit 1871. Die folgenschwerste Tat - im Positiven wie im Negativen - dieses Fürsten war die Berufung Bismarcks zum preußischen Ministerpräsidenten (1862), die er selbst mit den Worten beschrieb: „Es ist nicht leicht, unter Bismarck Kaiser zu sein.“

Reichsgründung (1871), Kulturkampf (1872), Gründerkrach (1874), Sozialistengesetze (1878) einerseits und Kranken-, Unfall-, Alters- und Invalidenversicherung andererseits stehen sich hier gegenüber wie das halb volle und das halb leere Glas. Es sind zwei Perspektiven einer Realität, der preußischen Realität.

Friedrich III, 1888, König und Kaiser für 99 Tage. Mit seiner späten Thronfolge und seinem frühen Tod werden auch die Hoffnungen auf Liberalisierung und Erneuerung in Preußen zunächst - oder auch endgültig - begraben.

Wilhelm II, 1888-1918, König von Preußen und Deutscher Kaiser. Selbstüberschätzung, Selbstherrlichkeit, Imperialismus, Militarismus, Aufrüstung, Krieg, Niederlage, Abdankung: Sind dies die wesentlichen Stationen des letzten Königs von Preußen und deutschen Kaisers, die auch das Negativimage des Preußentums so stark beeinflußt haben?

Friedrich Stampfer, Herausgeber des “Vorwärts” in der Weimarer Republik, hat dazu geschrieben: „Das deutsche Kaiserreich war das wirtschaftlich erfolgreichste, das am besten verwaltete, aber das am schlechtesten regierte Land des alten Europa.“ Wie die Geschichte zeigt, sind nicht alle drei Eigenschaften gleichgewichtig in die spätere Imagebildung eingeflossen.

Am Rande sei erwähnt, dass in den letzten Amtstagen des letzten legitimen preußischen Ministerpräsidenten, Otto Braun, der durch den bekannten „Preußenschlag“ am 20. Juli 1932 entmachtet wurde, die Basis für das konstruktive Mißtrauensvotum unseres Grundgesetzes (Artikel 67) und der Verfassung des Landes Nordrhein-Westfalen gelegt wurde (12. April 1932).

Diese kurzen Schlaglichter aus oder auf die preußische Geschichte zeigen: Preußen bestand auch aus Stiefel, Bajonett und gedrillten Befehlsempfängern, aber eben nicht nur. Musik, Architektur und vor allem die Bildung und die Wissenschaft gehörten untrennbar zum preußischen Verständnis. Sie haben damit eine eigenständige Kultur geschaffen, die nur zu häufig von den zwei schwarzen Quadraten des preußisch-hohenzollernschen Wappens verdeckt werden.

Wenn wir beides zulassen, die zwei schwarzen und die zwei weißen Quadrate, erhalten wir eine nahezu perfekte Beschreibung der unterschiedlichen Perspektiven der einen preußischen Realität, die an Gegensätzlichkeit und erstaunlicher Fülle kaum zu überbieten ist.

Auszug aus einer Rede von Dr. Joachim Belz, ehemaliger Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung des Preußen-Museums Minden, anlässlich der Vorstellung der Fördergesellschaft im Februar 2003.

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