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Zwischen Solidarität und Nutzen

Auch in Minden ließen Kurfürsten und Könige die Hugenotten siedeln

Von Martin Steffen

74 Männer, Frauen und Kinder erreichten am 16. Juni 1685 Minden. Es waren Franzosen aus dem Hennegau, Flüchtlinge, denen der Kurfürst von Brandenburg Asyl gewährt hatte. Was war geschehen?

In Frankreich hatte sich eine Minderheit der Bevölkerung, die so genannten Hugenotten, der Reformation angeschlossen. Sie gehörten der calvinistischen Glaubensrichtung an. Diese Reformierten wurden seit 1540 immer wieder durch Herrscher und Bevölkerungsmehrheit verfolgt, regelrechte Religionskriege tobten bis 1598 und spalteten die Gesellschaft.

1598 sicherte ein Toleranzedikt des katholischen Königs Heinrich IV. die Stellung der Protestanten. Dieser Schutz wurde allerdings unter König Ludwig XIV. ausgehöhlt: Übergriffe von Soldaten, Strafgesetze, und katholische Missionierung setzten die Protestanten unter Druck. 1685 wurde jede protestantische Religionsausübung verboten und die Geistlichen ausgewiesen.

Hatten schon frühere Diskriminierungen zur Auswanderung der gut ausgebildeten und wohlhabenden protestantischen Oberschicht nach England, in die Niederlande und deutsche Staaten geführt, lösten die Maßnahmen Ludwigs XIV. eine Massenflucht aus: 200 000 Franzosen verließen in den folgenden Jahren trotz Verbots ihre Heimat.

Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg reagierte auf die Verfolgungen 1685 mit dem Edikt von Potsdam. In ihm wurden die Franzosen zur Ansiedlung in Brandenburg ermutigt. Auf festen Routen wurden sie ins Land geholt und an verschiedenen Orten angesiedelt. Die Hugenotten erhielten materielle Unterstützung, durften ihre Traditionen pflegen und Kirchengemeinden gründen. Von Steuern und Abgaben waren sie zunächst weitgehend befreit.

Friedrich Wilhelm und seine Nachfolger hatten zwei Gründe für die bevorzugte Aufnahme der französischen Flüchtlinge: Persönlich dürften sie sich den Hugenotten verbunden gefühlt haben, weil diese demselben Glaubensbekenntnis angehörten wie die Herrscherfamilie in Berlin.

Wichtiger noch waren nüchterne politische Notwendigkeiten. Brandenburg-Preußen brauchte Zuwanderung. Gruppen wie die gut ausgebildeten Hugenotten waren qualifizierten Einwanderer für ein Land mit geringer Wirtschaftskraft und wenig Bevölkerung: Der Kurfürst und seine Nachfolger setzten auf "Peuplierung".

In welchem Maß die Hugenotten auch zur Modernisierung von Staat und Gesellschaft beitrugen zeigt sich daran, dass sie die Ersten waren, die in Berlin Handschuhe aus Leder produzieren konnten. Auch neue "Manieren" brachten sie mit. König Friedrich der Große stellte einige Jahrzehnte nach der ersten hugenottischen Einwanderung fest, dass der preußische Adel den Hugenotten "mehr Sanftmut und anständigere Sitten" verdanke.

Großzügigkeit gegenüber den Zuwanderern kam bei den Eingesessenen nicht immer gut an. Manche fürchteten wirtschaftliche Konkurrenz. Die lutherische Bevölkerungsmehrheit brachte zunächst wenig Verständnis für die religiösen Vorstellungen der Calvinisten auf. Doch der Staat setzte die Mischung aus religiöser Toleranz und wirtschaftlichen Privilegien durch. Großzügigkeit sollte die Leute nicht nur ins Land holen sondern sie auch dort halten - schließlich bemühten sich auch andere Gebiete um die protestantischen Zuwanderer, wie etwa Schaumburg oder Hessen-Kassel.

In Minden stellte der Kurfürst 1686 den Franzosen Charles Flavard als "Hofprediger" für die "Refugies" an. Der Titel sollte die besondere Verbundenheit zwischen dem calvinistischen Herrscher und dem calvinistischen Teil der Bevölkerung unterstreichen.

1691 löste sich die erste französische Gemeinde schon wieder auf: Die Mindener Hugenotten waren durch den Bückeburger Grafen Christian Friedrich ins Nachbarland abgeworben worden. Er hatte den Hugenotten noch mehr Vorrechte eingeräumt als der Kurfürst in Berlin . . .

Erst 1698 lebten in Minden wieder Franzosen, viele von ihnen waren in Handwerksberufen tätig. Daneben gehörten Staatsbeamte und Offiziere französischer Herkunft zu dieser Gemeinde. Militär und Verwaltung waren daneben in den kommenden Jahrzehnten nicht nur in Minden "klassische" Tätigkeitsfelder der Hugenotten. Adelige Hugenotten flüchteten aus der französischen Armee. Durch den Eintritt in preußische Dienste dokumentierten sie ihre besondere Verbundenheit mit dem neuen Landesherrn.

Das zeigen auf der Südseite des Petrikirchhofs an der Ritterstraße bis heute einige Grabsteine, darunter der des Generalmajors Alexander von Beaufort und seiner Frau Martha Amalie, einer geborenen Maillete De Buy. In Martha Amalies Lebenslauf spiegeln sich die Verhältnisse der Zeit: Sie starb am 18. Februar 1741 "in den siebenzehnten Kindbette" . . .

Die französisch-reformierte Gemeinde nutzte die Gottesdienststätte der deutschsprachigen reformierten Gemeinde mit. Über die gemeinsame Nutzung des Gottesdienstraumes kam es zwar zu Unstimmigkeiten Unstimmigkeiten, ansonsten blieben Konflikte aus.

Als die Mindener Reformierten 1743 ihren eigenen Kirchenbau einweihten, war allerdings die Zahl der französischen Bürger in der Stadt bereits stark zurückgegangen: Im Gegensatz zu Städten wie Berlin, Königsberg oder Magdeburg sei die französische Gemeinde zu klein gewesen, um sich aus sich heraus zu erneuern. Zum anderen sei wegen der wirtschaftlichen Staganation des Mindener Raumes keine Zuwanderung mehr erfolgt, lautet die Bilanz des Bielefelder Historikers Hans-Walter Schmuhl in seinem Aufsatz zur 250 Jahr-Feier der Mindener Petrikirche 1993.

1756 umfasste die französische Kolonie noch zwölf Familien. Seit 1759 blieb die Stelle des französischen Predigers unbesetzt. Seine Aufgaben nahm der Geistliche der deutschen Reformierten mit wahr. 1796 wurde der letzte Gottesdienst in französischer Sprache gehalten, 1807 ging die französische Gemeinde in der Petrigemeinde mit auf. Familiennamen wie Rousseau, Lacour oder d’Arragon blieben aber noch über 200 Jahre später Zeugnisse der Geschichte.

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