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Funkelnder Schrein im Domschatz

"Ein elffenbein rundes Kästgen mit silbernen Beschlag"

"Es muss doch irgendwo sein, etwas, das trägt und hält. Ein Kleinod, ein funkelnder Schrein in der verdorrenden Welt." So spricht Marie-Luise Kaschnitz ihre adventliche Erwartung aus. Alles, was die Welt uns bietet, hilft zwar angenehmer und komfortabler zu leben, aber in der existentiellen Krise trägt es nicht. "In allem ist etwas zu wenig", sagt Ingeborg Bachmann. Auf die drängende Frage der Menschen nach einem letzten Halt gibt ein wunderbares Kleinod in der Schatzkammer auf kunstvolle Weise eine Antwort. An einer Elfenbeinpyxis aus dem Ende des 5. und dem Beginn des 6. Jahrhunderts sind Szenen aus dem Marienleben dargestellt, die auf den Retter der Welt hinweisen. Diese Pyxis ist wie "ein funkelnder Schrein".

Leider verfügt die Schatzkammer nur über eine Kopie, die Propst Wilhelm Garg hat anfertigen lassen. Das Original wird im Mindener Schatzinventar von 1683 mit den Worten erwähnt: ,”Ein elffenbein rundes Kästgen mit silbernen Beschlag". Diese alte Pyxis befindet sich heute in der Frühchristlich-Byzantinischen Sammlung der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz in Berlin, die die Mindener Kopie weit überragt. In der Säkularisation hatte das Original zunächst der Mindener Medizinalrat Dr. Nikolaus Meyer (1775-1885), ein Freund Goethes und der Herausgeber des Mindener Sonntagsblattes, erworben. Später hat er das kostbare Gefäß an einen Buchhändler Hahn in Hannover verkauft. Der Deckel der Pyxis fehlt, allerdings sind Bohrlöcher vorhanden, an denen er befestigt war. Da die Elfenbeindose mit Szenen aus dem Leben Mariens versehen sind, die der Bibel und dem apokryphen Evangelium "Historia de nativitate Mariä" entstammen, haben viele vermutet, sie habe Marienreliquien enthalten. Andere meinen jedoch, es seien Hostien darin aufbewahrt worden.

Die Elfenbeinpyxis in der Mindener Domschatzkammer ist wie “ein funkelnder Schrein”.Die symmetrisch gelegten Gewandfalten der abgebildeten Figuren, die sich in einem Relief rund um die Pyxis ziehen, verweisen auf eine byzantinische Entstehungszeit; als Entstehungsort wird der östliche Mittelmeerraum vermutet. Die wertvolle Elfenbeinarbeit, die ein Hinweis auf die große Bedeutung des früheren Bistums Minden ist, enthält drei Szenen aus dem Leben Mariens: die Verkündigung an Maria, die Reise nach Bethlehem und die Geburt Jesu Christi. Der Zyklus beginnt mit der Verkündigung der frohen Botschaft und verläuft gegen den Uhrzeigersinn. Maria sitzt spinnend auf einem Stuhl und schaut nicht den Engel, sondern den Betrachter an. Das Erstaunen ist ihr ins Gesicht geschrieben. Vielleicht wollte sie die ganze Welt in dieses unfassbare Geschehen einbeziehen. Sie trägt ein ärmelloses Kleid, ungewöhnlich in der Kunstgeschichte. Von rechts nähert sich ihr der Erzengel Gabriel in einem langen Gewand und mit ausgebreiteten Flügeln. Während er mit der linken Hand den Rest des verlorengegangenen Botenstabes trägt, hat er  die rechte halbhoch zum Segen über Maria ausgestreckt. An der linken Bildseite wird die Szene von einem Vorhang begrenzt.

Die Darstellung der Reise nach Bethlehem zeigt Maria seitwärts auf einem Esel sitzend, der mit dem linken Vorderbein kräftig ausschreitet. Die Schwangere wird an ihrem Fuß von dem bärtigen hl. Josef, um den Maria ihren Arm gelegt hat, gestützt. Ihre linke Hand hält sie nach oben. Ein Engel, der den Esel am Zaume führt, geht der Gruppe voran. Obwohl der Engel nach vorn drängt, ist sein Blick doch zurück auf Maria und Josef gerichtet. Mittelpunkt der gesamten Darstellung ist das neugeborene Kind in der Krippe. Sie steht auf einer Mauer aus Steinen. Oben über dem Kind, das gewickelt ist, leuchtet der Stern. Rechts und links von der Krippe sind Ochs und Esel erkennbar; sie schauen staunend zum Kind. Rechts vom Esel liegt Maria auf einem großen Kissen; daneben schreitet ein Engel auf sie zu, der ein Kreuz und ein Weihrauchfass in seinen Händen hält: der Weihrauch bezeichnet den Duft der Macht, das Kreuz die Todesart Jesu. Vor der Mauer, unterhalb der Krippe, kniet die Hebamme Salome, die nach der Legende an der Jungfräulichkeit Marias gezweifelt hat. Zur Strafe wurde ihre rechte Hand verdorrt, so dass sie von der linken abgestützt werden musste. Zwischen der ersten und dritten Szene ist ein umkränztes Kreuz zu sehen, darüber ein quadratisches Feld zur Befestigung des Deckels.

Alle drei Marien-Szenen laufen auf die Geburt Jesu Christi zu. Sie ist das zentrale Geheimnis der Weltgeschichte. Gott wollte auf dieser Erde einen radikal neuen Anfang setzen, der biblisch mit der Geburt Jesu aus einer Jungfrau beschrieben wird. Mit diesem Ereignis hat er alle falschen Gottesbilder zerschlagen, die sich die Menschen mit ihren irdischen Möglichkeiten zusammengebastelt hatten. Jetzt können wir uns einer Macht anvertrauen, die wirklich Gott ist. Wer ihn verliert, ist den Menschen ausgeliefert. Wer könnte uns dann das Heil bringen? "Wenn Gott nicht existiert, dann gibt es kein Mittel mehr, den Menschen zu entrinnen", sagt Jean Paul Sartre (1905-1980) in seinem Drama „Der Teufel und der liebe Gott". Die Menschen habe sicher viel Gutes auf dieser Erde getan und geschaffen; aber das ewige Heil kann nur von Gott kommen. Weihnachten ist ein Fest voller Geheimnisse. Wir können sie nicht verstehen und nicht ergründen, wir können nur glauben.

Nächstes Objekt des Domschatzes: Ein Stab für den Hirten der Gläubigen

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